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Warum die duale Ausbildung auch in der Wissensgesellschaft zukunftsfähig ist

In meinem ersten Blogeintrag habe ich meine persönliche Sicht auf die (scheinbare) Bedeutung(-slosigkeit) der Industrie im Zeitalter der Wissensgesellschaft dargestellt. Ein zweiter Irrtum, der meiner Meinung nach in Bezug auf die Wissensgesellschaft herrscht, ist, dass wir uns auf die Akademisierung junger Menschen fokussieren müssen, um Ihnen Zukunftschancen zu bieten.

Spätestens seit zur Jahrtausendwende die europäischen Regierungschefs beschlossen, Europa innerhalb einer Dekade zum führenden wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt zu entwickeln, hat es sich die Politik auf die Fahnen geschrieben, die Akademikerrate konsequent zu erhöhen. Der Anteil der akademisch Ausgebildeten wurde zum Gradmesser der Zukunftsfähigkeit eines Landes erhoben, und ein europäisches System der Bachelor‐ und Master‐Studiengänge wurde eingeführt. Durch die Verkürzung der Studienzeiten gelang es die Anzahl der Studierenden auf Rekordniveau zu bringen. Die Idee hinter dem Ansatz war, einen kleineren Teil der Studenten im Rahmen des längeren Masterstudiengangs auf wissenschaftliche Arbeit vorzubereiten und den größeren Teil im Rahmen des vorangehenden Bachelorstudiums für praktische Tätigkeiten außerhalb der Universität zu qualifizieren. Dass Hochschulen die Ausbildung von Facharbeitern besser organisieren können als Unternehmen, halte ich allerdings für eine große Utopie. Das erlebe ich täglich in meiner Arbeit als Personalchef einer mittelständischen Unternehmensgruppe. 

Deutschland wird einerseits vorgeworfen, noch immer bei der Akademikerquote im Vergleich zu anderen Industrieländern hinterherzuhinken, gleichzeitig wird aber anerkannt, dass wir Dank unseres dualen Ausbildungssystems eine besonders niedrige Jugendarbeitslosigkeit verzeichnen. Dass beides im Zusammenhang zueinander steht, scheinen viele zu übersehen. Das mag daran liegen, dass außerhalb der deutschsprachigen Länder Europas das System der dualen Berufsausbildung immer noch wenig bekannt ist. Der Aufbau eines solchen Systems könnte in vielen Ländern Jugendarbeitslosigkeit und Fachkräftemangel erheblich reduzieren. 

Ein solches System zu etablieren, ist keine einfache Aufgabe; denn es erfordert vom Staat und der Wirtschaft gemeinsam getragene Strukturen, wie ein Kammerwesen, die die Ausbildungsinhalte definieren und Prüfungen abnehmen können. Daneben erfordert es eine hohe Bereitschaft der Unternehmen, entsprechende Aufwendungen für die Ausbildung zu tragen. Für viele deutsche Unternehmen, auch für meines ist die duale Ausbildung ein festes Element ihrer Nachwuchssicherung. Jährlich werden in Deutschland über eine halbe Million neue Ausbildungsverträge abgeschlossen und zig Milliarden Euro in die Ausbildungen investiert. Nur dank dieser Unternehmensleistungen erreicht Deutschland überhaupt ein Niveau an Bildungsinvestitionen, das - gemessen am Bruttoinlandsprodukt - dem Durchschnitt aller OECD-Länder entspricht. 

Natürlich muss auch die duale Berufsausbildung sich kontinuierlich den neuen Anforderungen und wissenschaftlichen Erkenntnissen anpassen. Aber sie bietet vielen jungen Menschen weiterhin den besten Berufseinstieg mit attraktiven, langfristigen Karrierechancen, vor allem denjenigen, die ihre Fähigkeiten und Talente besser durch praktisches statt theoretisches Lernen entfalten können. Kurzum, wir tun gut daran, die Leistungen der dualen Berufsausbildung wieder stärker anzuerkennen und wertzuschätzen!